Jetzt ist er weg

September 25th, 2016 | Posted by Tanja in Allgemein

First things first: Ja, ohne Bruno Labbadia wären wir 2014/2015 nicht in die Relegation gekommen, sondern hätten in der vergangenen Saison zwei reguläre Liga-Spiele gegen Karlsruhe gehabt. Dafür Dank an Bruno.

So. Und jetzt die Begründung, warum die Entlassung von Labbadia richtig war, was noch schief läuft und wer jetzt als nächstes gehen muss. Habt ihr ein bisschen Zeit mitgebracht zum Lesen und Diskutieren?

Seit einem Jahr erzähle ich beim HSVTalk, warum Bruno Labbadia nicht der richtige Trainer für den HSV ist. [Hier bitte Auf-mich-hört-ja-keiner-mimimi einfügen.] Der wichtigste Punkt dabei: Bruno kann eine Mannschaft nicht kontinuierlich weiterentwickeln. Und das hat sich bestätigt. Auch wenn die vergangene Saison besser als die davorigen war, konnte ich kein wirkliches Spielsystem erkennen. Eine Weiterentwicklung, nur weil es für Platz 10 gereicht hat? Nein, konnte ich nicht sehen. Bälle blind nach vorne hauen und hoffen, dass Nicolai Müller vom Gegenspieler übersehen wird, ist kein Konzept. Ist das ein Konterfußball-System? Nein, dazu waren die anderen Spieler im Mittelfeld, auf die Bruno stur gesetzt hat, zu langsam. Angefangen bei Aaron „Bruno-stellt-nur-nach-Trainingsleistung-auf“ Hunt, aber auch Gideon Jung (hat der sich wirklich weiterentwickelt oder nur Routine bekommen?), Albin Ekdal (wenn er denn mal im Mannschaftstraining war – dann spielte er auch), selbst Ivo Ilicevic (sonst hätten seine Muskeln wahrscheinlich auch nicht halbwegs gehalten). Und dazu noch Stürmer wie Pierre-Michel Lasogga und Sven Schipplock – Schwamm drüber. Der HSV ist größtenteils einfach zu langsam, Spieler, die mit ihren Ideen das Spiel schneller machen konnten, wurden weggeschickt (Badelj, Diaz), weil die Mitspieler damit überfordert waren. (Hat hier gerade jemand Halilovic gesagt? Ach ne, Niko Kovac hat ja gesagt, der hat in Zagreb nicht defensiv arbeiten müssen und es deshalb auch unmöglich in Barcelona und Gijon lernen können, der ist ja auch schon 20, da muss er alles können oder Geduld haben bis er mindestens 25 ist.) Nach zwei Monaten Vorbereitung hieß es immer noch „Wir müssen Geduld haben, das muss sich alles erst noch einspielen“ – so macht man sich lächerlich.
Bruno ist auch an seiner Sturheit gescheitert. Neun bis zehn Positionen hatte er gedanklich immer besetzt und meist auf Teufel komm raus aufgestellt. Das System wurde eben nicht an die vorhandenen Spieler angepasst (siehe auch Thema „Schnelligkeit“ oben), sondern nur immer mit „hätte, hätte, Fahrradkette“ argumentiert. Wie oft hat Labbadia nach dem Spiel gesagt, dass man ja eigentlich mehr verdient gehabt hätte? Gefühlt jedes zweite Spiel (alleine diese Saison: Ingolstadt, Leverkusen, Freiburg und Bayern). Punkte verdient man sich nicht „eigentlich“, sondern durch Tore und konzentrierte Leistung über 90 bis 95 Minuten. Und da muss sich Bruno die Frage gefallen lassen, warum der HSV seit einem Jahr immer wieder in der 2. Halbzeit spielerisch einbricht und kaum ein Spiel über die gesamte Zeit dominieren geschweige denn auch mal drehen kann. Außer Allgemeinplätzen und Ausreden habe ich nichts gehört. Weiterer Stur-Punkt: Da wird bei einer Verletzen-Misere in der Defensive nicht in die U21 geguckt (was genau machte sein „Verbindungsoffizier“ Trares nochmal?), sondern achselzuckend auf den (dann ja wohl von Beiersdorfer) schlecht ausgeloteten Kader verwiesen.
Womit wir bei einer weiteren Baustelle wären: Jede Transferperiode wird aufs Neue ein Sechser gesucht, möglichst polyvalent, weil es auch auf anderen Positionen noch hakt und es auf dem Markt reichlich eierlegende Wollmilchsäue gibt, die alle nur auf ein Angebot des großen HSV warten. Im Ernst: Wenn wir davon ausgehen, dass Labbadias Aussage, dass der HSV vergangene Saison nicht ernsthaft in den Abstiegskampf verwickelt war, korrekt ist, dann muss die Frage nach einer langfristigen Transferplanung gestellt werden. Auch ohne die Knäbel-Demission MUSS seit Winter an einer Liste potenzieller Neuzugänge gearbeitet worden sein und da MÜSSEN Innenverteidiger und defensive Mittelfeldspieler drauf gewesen sein. Warum wird dann zunächst nur die Offensive verstärkt? Warum findet man in keiner Liga der Welt zwei Innenverteidiger, die zum HSV passen und wollen? Ein Glück, dass man mit Spahic noch verlängern konnte…
Und das ist die wichtigste Frage: Warum hat es das Team um Beiersdorfer in zwei Jahren nicht geschafft, ein sportliches Konzept zu erarbeiten, in dem der Profi-Trainer nur ein (im Zweifel leicht austauschbares) Rädchen ist? Das wäre viel wichtiger als irgendein Leitbild, das einem jetzt bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen wird (nicht ganz zu Unrecht). Welche Rolle spielte Bruno Labbadia, dass es so ein Konzept nicht gibt? Dass Bruno und Bernhard Peters, der federführend sein sollte bei der strukturellen, fußballerischen Ausrichtung, nicht miteinander konnten, ist ein offenes Geheimnis. Wenn Labbadia an der Stelle die Weiterentwicklung verhindert oder verlangsamt hat, bleibt die Frage, warum man überhaupt noch für diese Saison verlängert hat. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, wie man es mit den Spielern schließlich auch gemacht hat, erst nach dem rechnerischen Klassenerhalt zu entscheiden, wie es weitergeht? Stattdessen feuert man den „Sportdirektor Profifußball“ und outsourced (ich mag den Begriff nicht, aber passt zur BWL-Schiene von Beiersdorfer) das Ganze an den Investor. Ich könnte mich an dieser Stelle mal wieder lang und breit über die Form der Ausgliederung auslassen, aber verweise einfach mal auf den hochgeschätzten Sven.
Und jetzt? Wird ohne Labbadia alles besser? Muss Didi auch gehen? Die Antworten hängen davon ab, wer als neuer Trainer präsentiert wird. Kann uns der Neue konzeptionell weiterhelfen? Hat er eine Idee, wie sein Fußball aussehen soll und wie er den schnell mit der vorhandenen Mannschaft umgesetzt bekommt? Kann er junge Spieler einbauen und weiterentwickeln? Wir werden sehen. Wenn der Neue all das nicht schafft, werden auch die Tage von Didi Beiersdorfer schneller gezählt sein, als Kühne & Nagel eine Palette Energy-Drinks von Mallorca nach Hamburg tranportieren kann.

NUR DER HSV!

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8 Responses

  • Es ist in meinen Augen ganz klar eine Entwicklung der Mannschaft zu sehen, oder bin ich der Einzige, der sich an das grausame Spiel unter Fink, van Marwijk, Slomka erinnert? Ja, das ist ein komplett anderer Kader und der hat nicht das Zählbare vorzuweisen, was man von ihm erwarten darf, aber *keine* Entwicklung stimmt einfach so pauschal nicht.

    Es sind (was man so mitkriegt) Sechser und/oder Innenverteidiger gesucht worden, man hat aber die Kandidaten, die man wollte (die ich nicht so schlecht fand) nicht bekommen können: Ginter, Rodrigo Caio, Ndidi. Natürlich muss man sich dann fragen lassen, ob man nicht ein Regal zu hoch gegriffen hat und warum niemand zu finden war, der kommen wollte und konnte.

    Was das vom Trainer unabhängig Konzept angeht: Ich glaube, ich weiß, was Du meinst, und ich würde auch gern sehen, dass man sowas in Hamburg umsetzt, aber so etwas implementiert man nicht über nacht. Stichwort: Cruyff/Barca. Das kann Jahrzehnte dauern.

    • Tanja says:

      Dass ein langfristiges (nomen est omen) Konzept dauert, ist mir klar. Ich sehe aber nicht mal Ansätze einer umfassenden Spielphilosophie von der U13 bis zu den Profis (Buzzword „Durchlässigkeit“) und das wird auch am Innenverhältnis Labbadia / Peters gelegen haben.
      Zur Kaderplanung: Nur weil man die Wunschkadidaten nicht bekommt, untätig zu bleiben, ist fahrlässig, egal, mit welcher Begründung. Und wenn man für die Kaderbreite jemand aus der 2. oder 3. Liga holt, sich auf „muss sofort weiterhelfen“ zu versteifen, geht einfach nicht. Oder man greift auf U21-Spieler zurück…
      Und zum ersten Punkt: Welche Bruno-spezifische Weiterentwicklung siehst du denn? Ich sehe, dass wir uns auf einigen Positionen verbessert haben (insbesondere jetzt bei den AV), aber das liegt an den Spielern, die wir jetzt haben, nicht an der Taktik, der Raumaufteilung oder dem spielerischen Konzept.

      • Johnz says:

        Die Entwicklung hat er doch bereits genannt. Unter Slomka und Co. haben die Außenstürme rund Verteidiger sich nicht getraut, ein 1:1 zu suchen. Und das auf der Außenbahn, wo Ballverluste zu verkraften sind. Unter Labbadia hat sich dies stark geändert. Auch haben wir in der vergangenen Saison angefangen zu kombinieren und Tore sauber herauszuspielen, was ich klasse fand! EIn 0:1 Rückstand hieß nicht, dass wir verlieren weil die Mannschaft zusammen stand. Des Weiteren ist ganz klar Jung aus Labbadia hervorgegangen (soviel zu er kann nicht mit jungen Spielern) und er hat es geschafft Müller und Holtby zu alter Stärke zu verhelfen. Sein Problem war einfach, dass er in der Vorbereitung zwar als einziger Trainer den kompletten Kader 4 Wochen vor Beginn zur Verfügung hatte, er aber im DM Verletzungen hatte, sodass Holtby und Ekdal (der in der letzten Jahr ein Garant für Punkte war) nicht eingespielt waren und gefehlt haben.

        Das Konzept der Jugendmannschaften wird doch auch stark verfolgt und immer wieder von den neuen Strukturen berichtet.

        Was fehlten, waren die Punkte.
        Die Spielweise war zumindest immer 70.min lang taktisch auf einem guten Niveau (oberes Mittelfeld).

      • Bei den IV wie gesagt: Man muss sich dann Fragen gefallen lassen. Allerdings glaube ich nicht, dass z.B. Wollscheidt oder Papadingsbums Optionen gewesen wären – die sind beide zu Trainern gewechselt, die sie kannten. Aber Du hast Recht, man muss dann wenigstens jemanden verpflichten, damit man noch einen hat, alles andere ist Vabanquespiel.

        Ich wehre mich ein bisschen gegen „brunospezifische Weiterentwicklung“, aber erinnere Dich doch einfach mal daran, wie das Team in den ersten Spielen unter Bruno gespielt hat. Eklantante Schwächen im Spielaufbau – das ist nicht behoben, aber es ist verbessert. Ich will jetzt hier auch gar nicht den Kommentar mit Pro-Bruno-Argumenten vollmüllen (Gotoku Sakai z.B. ist eine reine Bruno-Verpflichtung), die Entwicklung war so oder so zu langsam oder zu lange und mit zu wenig zählbarem Erfolg. Wenn das ohnehin schon so ist, dann verschaffeb einem Verpflichtungen wie Kostic, Wood und Halilovic halt auch nicht unbedingt mehr Zeit.

        Ich find halt einfach, es war nicht alles schlecht in den letzten 18 Monaten, deshalb ist mir „Er ist weg und das ist gut so!“ viel zu schwarz-weiß.

  • jackinh0 says:

    Da steht viel wares drin Tanja, nur ändert sich seit fast 10 Jahren nichts, kurioserweise seit Labbadias erster Amtszeit (Die 10 Jahre davor im Prinzip ja auch nicht). Ich bewundere das du die immer gleichen Dinge noch in einen Blog bringen kannst. Es ist mir nur noch ein Rätsel warum es 10 Jahre lang niemand schafft wenigstens in der ersten Mannschaft mal eine Spielweise zu etablieren, die diese Bezeichnung auch verdient. Ich habe diese Saison nur das Freiburg Spiel gesehen und es war, wenn ich mich auf Twitter zitieren darf: Schlimm! Ich habe es aber aufgegeben zu verstehen warum dies so ist. Es ist wohl ein irgendwo in der Satzung festgelegter Passus der es verbietet. Auch jetzt unter Gisdol so er es denn wird wird sich nichts ändern. Ich denke wir suchen noch in dieser Saison einen weiteren Trainer. Leider.

  • Nedfuller says:

    Erfahrene Spieler auf ihr Niveau zurück zu bringen ist etwas anderes als Spieler weiter zu entwickeln oder gar zu verbessern.

    Ich stimme Tanja in allen Punkten zu.

  • Vjeko says:

    In drei Jahren feiert Bruno wieder sein Comeback!

  • BuliTix says:

    Wenn man ehrlich ist, war und ist Labbadia das kleinste Problem in Hamburg gewesen. Gisdol ist nun seit knapp zwei Monaten im Amt und hat sich sportlich wirklich was verbessert?



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